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Teil 2 unseres Gespräches über das Glück und das gelungene Leben.

„Wie die gängigen Glücksversprechen ist auch der Ausdruck „Glück“ schillernd: So kann er einen günstigen Zufall (engl. luck, franz. chance, ital. fortuna), ein kurzlebiges Hochgefühl und die Lebenszufriedenheit (happiness, bonheure, felicità), den Zustand jenseitiger Erfüllung (bliss, béatitude, beatitudine) sowie, im weitesten Sinne, das Gelingen des Lebens (altgriech.: eudaimonia) bezeichnen. Spätestens seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika dient „happiness“ als menschen- und staatsrechtlicher Leitbegriff, der in heutigen internationalen Debatten, etwa im Vorfeld der Agenda 2030, insbesondere gegen eine ökonomische Verengung politischer Zielvorstellungen aufgeboten wird. Auch auf nationaler Ebene rücken Begriffe wie „Bruttonationalglück“ (Bhutan), „Wohlstand“, „Lebensqualität“ und „nachhaltige Entwicklung“ immer weiter ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung, angeregt und begleitet von theoretischen Bemühungen etwa eines Amartya Sen und einer Martha C. Nussbaum. Allerdings erweisen sich Glück und Gelingen als sperrig gegenüber empirischem Messen und statistischem Erfassen. Selbst von einer anerkannten begrifflichen Klärung sind wir weit entfernt. Kant etwa legt die widersprüchliche Struktur von Glück und Glücksstreben bloß und hinterfragt radikal die Orientierungsleistung solcher Konzepte für unser Handeln. Womöglich also beföhle der Glücksimperativ Mensch und staatlicher Gewalt Unmögliches und liefe auf ‚den größten denkbaren Despotismus’ hinaus. „Der Mensch strebt nicht nach Glück,“ stellt Friedrich Nietzsche gar fest; Glücksstreben lasse den Menschen verkümmern. Womöglich scheitert unser individuelles und gemeinschaftliches Leben zudem vor allem aufgrund des Drucks, glücklich sein zu müssen, so dass wir uns von diesem Ziel gerade lösen sollten. Als tragfähiger stellt sich vielleicht der Begriff eines inhaltlich und empirisch gerade nicht von vornherein fixierten „Gelingens“ heraus. Unter dem Titel „eudaimonia“ steht er im Zentrum antiken Philosophierens und antiker Politischer Theorie. Eine Rückbesinnung insbesondere auf Platon und Aristoteles scheint vielversprechend. Gelingen ist beständig gefährdet durch Kontingenz, also durch Gelingensrelevantes, das sich menschlicher und insbesondere politischer Gestaltung entzieht. Wie Machiavelli herausarbeitet, bietet solche „fortuna“ der*dem Machthaber*in zugleich die Gelegenheit, sich zu bewähren sowie ihre*seine Position zu legitimieren und auszubauen. Also auch Kontingenz erweist sich für Politik als ambivalent.“ (Aus der Veranstaltungsankündigungen Dr. Alexander Wiehart)

Diese Folge steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz.

Musik:

“Off to Osaka”
Kevin MacLeod
Creative Commons Namensnennung Lizenz

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